Minimalismus ist ja so eine Modesache der Gegenwart. Nimm die Dinge in die Hand, betrachte sie eingehend und frage dich nicht ohne kritische Vehemenz: Brauche ich das wirklich? Schlägt mein Herz schneller? Marie Kondo wurde zur Ikone des Weglassens, unsere Kleiderschränke lichteten sich, die Schubladen wurden leer, das Haben belächelt und fast ein bisschen unangenehm– und dann kam Corona. Weglassen wurde zum Muss und machte plötzlich nur noch halb so viel Spaß. Doch wie mit allen Dingen im Leben: Immer gibt es Vorteile.
Der Mensch, ein Jäger und Sammler. Sand der Weltstrände in Glasflaschen, bunte Bananenlabels auf Albumseiten, seltene Blüten im Garten. Haben bedeutete leben. Mit der Zeit änderte sich unsere Weltanschauung. Dem Trend des Minimalismus folgend und als Rettung vor einem überhandnehmenden Konsum wurden wir zu Aussortierern. Nicht mehr als 100 Dinge brauche der Mensch zum Glück lautete die neue Formel, im Netz fanden sich Listen für MinimierungsAnfänger, Aufräum-Coaches und Bilder herrlich übersichtlicher Wohnzimmer. Weglassen wurde das neue Sein. Dann kam der Lock-down – und wir wurden zurückgeworfen, allem voran in unsere vier Wände. Da saßen wir, zwischen Sammelsurium und buntem Vielerlei die einen, in reduziert und überlegt platzierten Einzelstücken die anderen. Die aufkeimende Frage lautete hier wie dort: Was brauche ich?
Das machen wir schon immer anders
Mit dem Daheimbleiben eröffnete sich eine neue Sicht auf die Dinge. Und mit ihr entstanden neue Fragen. Wie muss der Ort sein, an dem ich gut leben und arbeiten kann? Wie schaffe ich Nähe über räumliche Distanz hinweg? Wo ist die Grenze zwischen Team und Freundeskreis? Welches Ritual hilft mir in den Tag? Welche Chancen bietet digitales Arbeiten? Und wie kompensiere ich den Wegfall von Teeküchengesprächen? Nach der für viele von uns als erholsam empfundenen Verlangsamung unseres Alltags richteten wir uns ein im neuen Sein. Der Arbeitsplatz im Privaten wurde selbstverständlich, das digitale Ritual zur alten Gewohnheit, der Rhythmus gefunden und Teepausen im Breakout Room eine prima Gelegenheit für erfrischenden Plausch. Alles zurechtgeruckelt. Alles wieder wie immer?
Raus aus dem Komfort, rein ins Wohlfühlen
Der Mensch, ein Gewohnheitstier. Das Verweilen in Komfortzonen lieben wir so sehr wie den Hinweis auf »Das war schon immer so.«. Das Verändern von Gewohnheiten hingegen gehört nicht allzu sehr zu unseren liebsten Herausforderungen. Aber: Es geht. Denn neben Sammlern, Jägern, Minimalisten und Bewahrern von Ist-Zuständen sind wir noch etwas: großartige Anpassungskünstler. Und so waren die letzten Monate für uns vor allem auch eine wunderbare Gelegenheit des Prüfens und Veränderns. Wie Marie Kondo mit Blick auf die Dinge in unserem Küchenregal vorschlägt, allesamt einmal in die Hand zu nehmen und auf unseren Herzschlag zu lauschen, so lassen sich Gewohnheiten, Rituale und unser Miteinander einem kritischen Hineinhorchen unterziehen. Was tut mir gut? Nach Monaten des Suchens nach praktikablen Lösungen und Ausprobierens adäquater Wege für berufliche wie private Begegnungen haben wir ein untrügliches Gefühl dafür entwickelt, was sinnstiftend, nutzbringend und für uns genau richtig ist. Und wie immer ist es eine Mischung aus Behalten und Weglassen, aus neuen Ritualen und alten Gewohnheiten, aus Abstand und Nähe. Denn alles hat seine Vorteile. Auch ungeplante Veränderungen.