November- »Zwischen Ballast und Befreiung« – Über die Kunst des richtigen Behaltens

Als Kinder sammelten wir Kastanien. Sobald sie in ihren stacheligen Schalen von den Bäumen fielen, zogen wir los. Im November schließlich kullerten die rostroten Herbstfrüchte in der ganzen Wohnung herum und fanden sich zuhauf in unseren Jackentaschen. Heute sammle ich Kastanien nicht mehr in rauen Mengen, aber sobald sie ins Gras plumpsen, suche ich mir eine noch frisch glänzende, inspiziere sie eingehend und wähle bewusst, bevor ich sie in meine Manteltasche stecke. Da bleibt sie selten lange allein. Es findet sich ja immer wieder mal eine verlockend leuchtende. Bin ich unterwegs, nehme ich ab und an die besonders runde oder die mit der daumengroßen Delle in die Hand. Das beruhigt. Oder hilft beim Nachdenken. Für beides und noch anderes habe ich entsprechende Kastanien in der Tasche. Manchmal fliegt auch eine raus, weil mir eine passendere vor die Füße kullert. Aber das ist selten. Dazu müsste ich die Gesammelten vergleichen.

Was haben wir denn da?

Wie die Kastanien im Herbst sammeln wir im Laufe der Monate kleine Dinge, die uns berühren. Die uns reizvoll oder hilfreich erscheinen. Wir sammeln Gewohnheiten oder Rituale, Erfahrungen und Wissen. Wir stehen zum Beispiel immer mal früher auf, weil wir die Stille am Morgen als etwas Wohltuendes für uns entdeckt haben – bis die Meditation um fünf Uhr in der Früh zum festen Bestandteil unseres Tagesbeginns geworden ist. Oder wir halten bewusst einen Nachmittag in unserem Kalender frei, um Liegengebliebenes in Ruhe abzuarbeiten, statt es irgendwie mal eben dazwischen zu schieben. Vielleicht gehen wir immer zur gleichen Zeit in die Küche, um uns einen Kaffee zu kochen, weil es dem Tag eine beruhigende Struktur gibt und wir sonst im Homeoffice das Pausemachen vergessen. Scheinbare Kleinigkeiten mit großem Mehrwert. Mit der Zeit sammelt sich erfahrungsgemäß aber auch einiges an, was wir einfach nur so durch die Gegend tragen. Weil es vielleicht schon immer irgendwie da war. Oder weil es zwar nervt, die Auseinandersetzung damit aber scheinbar mehr Energie erfordert als das Mitschluren. Oder weil es einen Sinn ergab, den wir im alltäglichen Tun nur aus den Augen verloren haben; vielleicht ist er auch schon wieder passé. Egal. Einsammeln war schon als Kind einfacher als Aussortieren.

Gehört das zu mir?

Nicht nur die Welt hat sich ein Stück weitergedreht, auch wir haben aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt geguckt. Seit Jahresbeginn haben wir uns mit vielerlei auseinandergesetzt: Wir haben unsere Stärken begutachtet und nutzbar gemacht, unseren Sinn für Selbstfürsorge geschärft, unser Wertesystem einer Inventur unterzogen, sind mit unserem Mustertier spazieren gegangen – und wir haben ganz sicher das eine oder andere dabei gelernt. Jetzt also wollen wir in Ruhe mal schauen: Welche Gewohnheiten haben sich in den vergangenen Monaten etabliert? Was ist verloren gegangen? Was konnte ich loslassen? Und welcher Erkenntnisgewinn hat meine Haltung verändert? Gab es Einsichten, die vielleicht sogar meine Werte verschoben haben? Wo bin ich die Alte geblieben, womit überrasche ich mich seit kurzem immer mal wieder und wo erkenne ich mich selbst kaum wieder?

Das kann bleiben

Es heißt: Egal wohin wir gehen, wir nehmen uns immer mit. So ist das wohl. Sicher ist aber auch: Egal wohin wir gehen, auf dem Weg dorthin begegnen wir uns an so mancher Straßenecke selbst. Und Begegnungen bereichern bekanntlich das Leben. Weil das Zusammentreffen mit einem Gegenüber – das eigene Selbst eingeschlossen – einen Dialog ermöglicht. Und über diesen Austausch ein Nachdenken einsetzen kann. Darüber lässt sich dann ganz gut feststellen, ob sich etwas rund anfühlt oder die Delle zum Daumen passt. Und noch einen Vorteil hat dieses dialogische Innehalten: Es bietet uns die Möglichkeit, nach vorn zu schauen und zu prüfen. Passt das Gesammelte zum vor mir liegenden Weg? Bringt es mich zum gewünschten Ziel? Ja? Dann gehört es unbedingt in meine Manteltasche!

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