April – »Zwischen Egozentrismus und Selbstaufgabe« – Vom richtigen Maß der Unabhängigkeit

Führen heißt: Eine*r sagt, wo’s langgeht. Womit die Frage nach der Selbstführung schnell beantwortet wäre. Wo ich bin, ist vorne, also alle mir nach. Ist doch ohnehin so: Wenn man‘s nicht selbst macht, macht‘s wieder keiner. Nun, die meisten von uns werden die Erfahrung gemacht haben, dass es so einfach dann doch irgendwie nicht funktioniert. Angefangen damit, dass andere mit der gleichen Idee, aber anderen Zielen durchs Leben gehen, sich als unwillige Mitgeher entpuppen, oder – und das ist leider auch nicht selten der Fall – dass man selbst nicht weiß, wo genau es hingehen soll. Was ich allerdings immer ziemlich genau weiß, ist, was ich nicht will. Und das kann ich eigentlich auch ganz gut umsetzen.

Vorneweg mit Rückbezügen

Schwieriger als das „Dagegensein“ ist das Erkennen der Dinge, die ich will, die Identifizierung und Benennung meiner Bedürfnisse und dessen, wofür ich gehen will. Wünsche, Ziele, Bedürfnisse? Wer oder was leitet mich denn nun? Ich mich selbst – oder schubst mich die Welt mit ihren Anforderungen vor sich her? Worauf kann ich mich verlassen, wenn ich mein Selbst durchs Leben lotse? Auf meine Erfahrungen, mein Gewissen oder meine Mitmenschen? Auf das berufliche oder private System? Die Umstände? Oder auf das Wetter? Ja. Auf all das. Selbstführung erfordert die permanente Ausrichtung an einer Vielzahl von flexiblen Variablen. Ja, keiner hat gesagt, dass es einfach ist.

Aber hey, es ist alles andere als hoffnungslos! Weil wir damit nämlich nicht alleine sind. Selbstverständlich erfordert Selbstführung ein gutes Gespür für das Eigene. Und es ist gut zu wissen, wo wir hinwollen – nicht nur langfristig, sondern auch mittelfristig, übermorgen und jetzt in diesem Augenblick. Aber es geht nicht darum, den Blick fest auf unser Ego zu heften, den Kopf wie ein Stier zu senken und blind drauflos zu rennen. Selbstbestimmung bedeutet nicht, alleine und von allen unabhängig durch unser Leben zu walzen. Vielmehr gibt uns das Mitdenken derer, die uns lieb und teuer sind, die Freiheit, verbunden zu sein. Klar ist es bequemer, niemandem Rechenschaft zu schulden, die eigenen Regeln zu schreiben und keinerlei Kompromisse eingehen zu müssen. Aber was bitte schön ist Unabhängigkeit ohne Rückbezüge?

Mehrwert sensibler Antennen

Alles ist ein Geben und Nehmen. Wer sich selbst gelassen durch die Ozeane des Lebens steuern will, sollte eine gute Crew an Board haben. Denn nicht immer dümpeln wir im ruhigen Fahrwasser, die Küste in Sichtweite und die Sonne am klaren Himmel. Wir tun gut daran, für das Wohl unserer Mitmenschen zu sorgen, den Seismographen sensibel einzustellen für die Bedürfnisse unseres Gegenübers. Denn sie helfen auch uns, den Kurs zu halten. Das erfordert manchmal, das eigene Wollen hintenan zu stellen, in den sauren Apfel zu beißen, Ziele auf später zu verschieben und die eigenen Wünsche unerfüllt zu lassen. Ab und an ist es wichtiger, andere zu unterstützen als sich selbst zu umsorgen.

Versinken im empathischen Eigensinn

Das Eigene oder die anderen? Ich oder wir? Was brauche ich für mein Fortkommen? Die Kunst ist, die Balance zu finden. Sich selbst treu zu bleiben und trotzdem rücksichtsvoll und zugewandt im Miteinander zu agieren. Das Versinken in den Belangen des Gegenübers ist so wenig der goldene Weg zum Glück wie die Zentrierung auf das eigene Heil. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit der Erziehung: Grenzenloses Laissez-faire wie auch stures Beharren auf Regeln macht letztendlich orientierungslos. Andersherum passieren, sobald unsere Aufmerksamkeit nachlässt, im Geheimen kleine feine Dinge, die wir so gar nicht auf der Agenda hatten. Die Erfahrung aber zeigt: Manchmal gewinnen wir interessante Erkenntnisse, wenn keiner hinguckt – ohne selbstvergessenes Versinken kein kreatives Tun. Mindestens genauso wichtig wie das Hinschauen, ist also das Loslassen. Jeden Tag treffen wir selbstgeführt Entscheidungen – im Sinne der Gemeinschaft und im Sinne unserer Unabhängigkeit. Die beste Voraussetzung für ein unbeirrtes Steuern durch bekanntes wie unentdecktes Terrain ist vielleicht eine Mischung aus angepasstem Eigensinn und vielperspektivischer Empathie gepaart mit agiler Beständigkeit. Wie schon gesagt: Weniger komplex wird es leider nicht.

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