Juli – »Zwischen Jetzt und Gleich« – Vom Jein-sagen und anderen Endgültigkeiten

Aufstehen morgens um sechs, zur Arbeit gehen, Verabredung zum Kino am Abend, das Bad putzen, Essen kochen – unser Leben ist voller kleiner und kleinster Entscheidungen. Jeden Tag treffen wir hunderte davon, intuitiv aufgrund unserer Glaubenssätze, basierend auf inneren Einstellungen, ohne dass es große Überlegungen oder konzentrierte Aufmerksamkeit bedürfte. Neben diesen Mikroentscheidungen gibt es andere, über die wir bewusster nachdenken. Die Urlaubsplanung vielleicht, oder welche Garderobe wir für die Hochzeit unseres besten Freundes wählen. Und dann stellt uns das Leben manchmal vor Entscheidungen, die nicht mal eben und aus dem Lauf heraus getroffen werden können. Weil sie möglicherweise weitreichende Folgen haben oder die Umsetzung eine Veränderung unserer bisherigen Muster erforderlich macht. Im Gegensatz zu den vielen kleinen Alltagsbeschlüssen bringen uns solche Weggabelungen ins Stocken, sorgen für ein wirbelndes Durcheinander im Kopf – und bieten die Möglichkeit, unseren Blick offen und neugierig über das vor uns liegende schweifen zu lassen.

Im Monolog mit uns selbst

Letztgenannte Fälle erfordern einen ausführlichen Austausch. Insbesondere mit uns selbst – und da haben wir meistens schon eine gar nicht so kleine Runde an Gegenüber zusammen. Die scheinbar simple Frage »Jetzt rechts oder lieber links oder besser gerade aus?« lässt sich nämlich aus diversen Perspektiven beantworten und auf verschiedenste Weise schlüssig argumentieren. Je nachdem, welcher Teil in uns spricht. Die Mutige, die »Augen zu und los!« ruft, ist ziemlich schnell fertig mit ihren Überlegungen. Der Ängstliche stellt vielleicht erst mal eine Liste aller Gefahren und Fallstricke auf. Unser strukturierter Anteil sortiert die Für und Wider. Und die Erfahrene in unserem Inneren Team weiß, wie es ohnehin immer läuft. Na, toll. Wie also jetzt? Schnick-schnack-schnuck … Ich glaub, linksrum. Oder? Moment, vielleicht doch eher … Pffffff. Himmel, wer weiß denn schon, wie was – und dann? Genau. Es gibt immer so verflixt viele unterschiedliche Perspektiven und Optionen. Und die Konsequenzen erst! Wie bitte lässt sich da überhaupt entscheiden, was richtig ist? Eben: gar nicht. Ist es nicht so? Jein. Warum, weil Stehenbleiben keine wirkliche Lösung ist? Doch, das geht natürlich: Sich nicht zu entscheiden ist ja eine Entscheidung. Wenn sie sich auch recht passiv anfühlen mag. Prima. Und nun? Wo geht’s jetzt hier raus, aus dem Dilemma? Nun, fürs erste vielleicht mit einem achtsamen Moment der Ruhe. Das Verwandeln des Gedankenwirbels in sortiertes Betrachten. Entscheidungen führen ja ziemlich verlässlich zu Veränderungen. Wenn ich mich jetzt entscheide, ist im nächsten Moment irgendetwas anders und neu. Was also ist stimmig für mich? Wie kann ich herausfinden, was stimmig ist? Das Beruhigende an Entscheidungen ist, dass wir sie im Hier und Jetzt treffen. In Abwägung aller Aspekte, aktueller Gegebenheiten und momentaner Voraussetzungen. Wir entscheiden auf der Grundlage dieses einen Moments. Wir ziehen unsere bisherigen Erfahrungen zu Rate, prüfen unsere zur Verfügung stehenden Ressourcen, nehmen unsere Ängste und Schwächen ebenso ernst wie unsere Stärken in den Blick. Wo will ich hin? Was soll anders sein, wenn ich die Entscheidung getroffen habe? Im aufmerksamen Dialog mit uns selbst können wir alle wichtigen Argumente einsammeln, gegeneinander abwägen und Entscheidungen treffen.

Immer wieder neue Gültigkeiten

Was brauche ich jetzt? Was kann ich an dieser Stelle leisten? Was ist mir zu viel und was zu wenig? Möglicherweise ist nicht die Frage nach richtig oder falsch die entscheidende, sondern nach dem Passenden in diesem einen Moment. Eine gute Selbstbeziehung, das Auskennen in den eigenen Glaubenssätzen und das Bewusstsein der tragenden Werte ist hilfreich. Und: Jede:r von uns geht eigene Wege, um zur Entscheidungsfähigkeit zu gelangen. Die einen machen es mit sich selbst aus, andere suchen sich eine:n Ratgeber:in, die dritten wählen einen Resonanzraum, der viele und vieles umfasst. Wie immer wir entscheiden, wir tun es nach bestem Wissen und Gewissen in diesem einen Moment. Hinterher weiß es, na klar, immer irgendwer besser – meistens wir selbst. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, in Bewegung zu bleiben, Veränderungen nicht nur zuzulassen, sondern einzuladen. Und für alle und jedes gilt: Einmal Entschiedenes ist selten endgültig. Weil es einen nächsten Moment geben wird, in dem wir neu darüber nachdenken können. Und dann wieder eine passende Entscheidung treffen.

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