Was ich im Kopf schon alles erledigt habe. Allein an diesem Vormittag reichen meine gedanklichen Erledigungen locker für eine ganze Woche. Insbesondere im Bereich Achtsamkeit und Selbstfürsorge schaffe ich da eine ganze Menge. Ich atme bewusst, ich esse langsam, ich recke und strecke meine zusammengesessenen Glieder und schicke meine in dunkle Wolken gehüllten Sorgen auf einen Sommerspaziergang mit Meerblick. Und das alles, damit ich kraftvoll und fokussiert meinen Weg gehen kann. Dummerweise rutschen mir diese und ähnliche geplanten Vorhaben meist so behände aus dem Sinn wie sie hineingeflattert sind. Zurück bleibt meine zerzauste Seele, mein aus der Puste geratener Geist und ein schemenhaft im Nebel schwebendes Ziel. Jetzt könnte man natürlich vermuten, dass durch den Wegfall recht zeitintensiver Umsorgungsrituale das Ziel schneller in Reichweite rückt und das Fortkommen ein zügigeres ist. Nun, das Verrückte an Zeit, Weg und Ziel ist, dass es nur selten eine tatsächliche Korrelation und noch seltener einen kausalen Zusammenhang zwischen ihnen gibt. Ignoriere ich das durch Kopf und Körper trippelnde Bedürfnis nach Perspektivwechsel und versuche stattdessen verbissen einen Text zu schreiben, dann hilft alles Rumturnen auf dem Schreibtischstuhl nichts: die Sätze wollen nicht entstehen und der Text sitzt unentdeckt und bewegungslos in irgendeiner Ecke. Nur die Zeit, die rieselt haufenweise vor sich hin, während ich meinem Ziel kein Stück näherkomme.
Sprache als Klangkörper – Ruhe für den aufgewirbelten Geist
Was also tun, wenn zwar die Vorhaben wohlformuliert, die Wegbeschreibung klar verständlich und die Schuhe blitzblank geputzt und bestens geschnürt an den Füßen sitzen und es trotzdem irgendwie nicht vorwärts geht? Mir hilft dann manchmal Wäsche aufhängen. Oder eine Runde Radfahren. Eine Tasse heißer Tee oder ein Schwätzchen mit der Nachbarin. Was sich allerdings auch nutzen lässt ist die Sprache – und die durch sie entstehenden Schwingungen im Körper. Diese Methode ist so alt wie der Mensch und sein Sprechen selbst. In jeder Religion finden sich Verse, Gebete oder Sätze, die eine kraftvolle Wirkung auf Geist und Körper entfalten und uns bei der Fokussierung, der Meditation und dem Zur-Ruhe-kommen hilfreich sein können. Auch Mantras gehören zu diesen machtvollen Sprachgebilden. Im Unterschied zur Affirmation (vom Lateinischen »affirmatio«, was so viel bedeutet wie Versicherung oder Beteuerung) geht es dem Mantra nicht um den positiven, stärkenden Effekt, der sich bei ausreichend häufiger Wiederholung von Affirmationen einstellen soll. Bei der Affirmation geht es um eine positive Wertung und die daraus folgende Bejahung oder Zustimmung: »Ich schaffe das, denn ich bin stark.« oder »Ich bin richtig, genauso wie ich bin.«. Angesprochen wird in dieser Form allem voran unser Verstand. Ein Mantra hingegen – zusammengesetzt aus »manas«, der Geist und »tram«, was so viel heißt wie Schutz oder schützen, aber auch Instrument bedeuten kann – ist eine Art »Klangkörper«. Eine Silbe, ein Wort oder ein Vers, der unseren Körper und Geist zum Schwingen bringt. Das Mantra nutzt diese durch die Töne im Körper entstehenden Schwingungen und wirkt damit nicht auf der Verstandesebene, sondern durch unser Gefühl. Wir können ein Mantra laut aussprechen, leise vor uns hinmurmeln, singen oder einfach nur in Gedanken rezitieren. Was dabei entsteht, ist innere Ruhe.
»Om« – Die Stille einladen
Die wohl bekannteste und vielen Mantras voranstehende Silbe aus dem Sanskrit ist »Om«. Sie steht für den »transzendenten Urklang«, die »sichtbare Welt und auch das innewohnende Selbst« sie ist die heilige Silbe, das »allumfassendste Symbol« und meint so viel wie »Anwesenheit der umfassenden Kraft«, den »Geist aller Buddahs«. Wem das zu viel Symbolik und Transzendenz ist, findet vielleicht über die sachliche Erklärung einen schnelleren Zugang: Durch die gesprochenen, gesungenen oder auch nur gedachten Silben eines Mantras geben wir unserem Geist einen guten Gedanken zur Beschäftigung und nehmen Grübelei und Wut die Aufmerksamkeit, den Raum und die Energie. Es wird still. Im Kopf und im Körper. Das Wirbeln verebbt, das Kribbeln hört auf. Manchmal ist dann auch das Ziel wieder besser zu sehen. Und unser Weg dorthin lässt sich wieder klarer erkennen. Vielleicht kennst du das wohlig beruhigende Gefühl von Silben oder Tönen bereits, die deinen Körper in Schwingung versetzen und deinen Geist zur Ruhe kommen lassen. Zum Ausprobieren oder Wiederentdecken haben wir dir hier ein Mantra für den täglichen Gebrauch aufgeschrieben.